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Kommentare / Kolumnen
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| Yes, we may! |
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| | Weiss hatte den Vorteil des Anziehenden und bestimmte, in welche Richtung sich das Geschehen auf dem Brett bewegte. Wenn Weiss dieses Tempo nicht nutzen kann, oder, wie im vorliegenden Fall, der weisse König zu oft fehlzieht (-tritt) und ausserdem seine Pfoten überall reinsteckt, wo sie nicht hingehören, dann trägt endlich der schwarze König den Sieg davon und macht die Sache hoffentlich besser.
So geschehen in Amerika. Viel zu lange hat der dortige weisse König schon das Spiel überzogen; jetzt hat der nachziehende Schwarze seine Chance genutzt und dem Weissen die fällige Niederlage beigebracht. Während Schwarz gestern seine Siegesrede hielt und davon sprach, dass sich nun das Vermächtnis eines anderen grossen schwarzen Königs (King) erfülle, der früher schon von seinen Träumen erzählte, für die die Zeit aber noch nicht reif war, da überkam mich ein grosses Gefühl der Hoffnung. Ich berauschte mich an den Visionen, dass endlich die alten Denkschemen überwunden seien und man nun gemeinsam, Hand in Hand, Jung und Alt, Arm und Reich, Schwarz und Weiss die wirklichen und wichtigen Probleme anpacken werde.
Auf einmal formte sich ein Kloss in meinem Hals, über den die Peristaltik nicht mehr Herr wurde. Schwarz und Weiss … gemeinsam? Wie jetzt… Was wird denn jetzt aus unserem Schach? Ab sofort spielt Weiss also nicht mehr gegen Schwarz, sondern mit Schwarz? Wie soll das denn gehen? Jede Partie remis?
Ich dachte daran, dass es wohl lange dauern würde, bis man sich daran gewöhnt haben wird. Welchen Sinn hat dann das Schachspiel noch? Im Verein wird dann ausschliesslich analysiert. Schwarz und Weiss erarbeiten gemeinsam Lösungswege für anstehende Aufgaben auf dem Brett. Vielleicht denkt man in trauter Harmonie über Figur(en)probleme nach, oder wie man endlich die Bauern besserstellen kann, was ja auch schon lange überfällig ist. Oder wie man sich Damen holt, oder, oder, oder…
Der Schwarze sieht auf einmal, wie schlecht es seinem Partner geht - denn aus Gegnern werden dann Partner: Mann, deine Stellung sieht aber wirklich nicht gesund aus! Jetzt schauen wir mal gemeinsam, wie wir dich wieder hinkriegen! Der Schachverein als Selbsthilfegruppe.
Natürlich hätte die Geschichte auch Vorteile: Niemand muss dann mehr Angst vor der Frage haben, wenn er sich nachts vom Vereinsabend ins eheliche (oder nichteheliche) Schlafgemach schleicht: Und? Wie hast du gespielt?! Keine Notlügen mehr, kein anderer war schuld und auch die Kopfschmerzen und der achsodermassenharte Tag spielen keine Rolle.
Aber im Grossen und Ganzen wäre unser Sport langweilig geworden. Ganz davon abgesehen, dass somit auch die letzte Argumentationsgrundlage dafür, Schach als Sport anzusehen, entzogen wäre,
würden wohl immer mehr Mitglieder ihre Vereine verlassen. Unseren Enkeln würden wir die Geschichten im Flüsterton erzählen müssen, von den Zeiten, in denen am Brett noch Schwarz gegen Weiss antrat und sich alles änderte, weil sich die Welt weitergedreht hat und sich die Schachgemeinde nicht auf andere Farben einigen konnte.
Wahrscheinlich muss ich kurz nach der Rede mit meinen Überlegungen etwas abgedriftet oder auch ein wenig eingeschlafen sein. Als ich - schweissgebadet - wieder klar denken konnte, erkannte ich erleichtert: Obama hat sich in seinem Aufruf ans Volk glücklicherweise nur auf das normale Leben bezogen. Unser Wichtigstes bleibt uns also trotz aller Veränderungen, die die Zukunft für jeden bereithält, so erhalten, wie es ist. Im Schach “ und nur im Schach! “ dürfen die Schwarzen immer noch auf die Weissen einstechen und hauen. Denen ist es nicht untersagt, sich im Gegenzug zu wehren und draufloszukloppen, bis das Blättchen fällt. Man kann Friedensangebote ungestraft ignorieren oder zurückweisen und seinem Gegner die Luft abdrehen, solange man selber noch welche hat. Und wenn wir in Zukunft gefragt werden, ob wir denn das überhaupt noch dürften, dann rufen wir gemeinsam:
"YES, WE MAY!"
Frank Weller
| | | | Autor: Frank Weller |
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